Überschwemmungen und Kundgebungen

Acht Stunden Fahrt mit dem Überlandbus - das ist reichlich Zeit zur Betrachtung der immensen Schäden, die der letzte Monsun mit seinen diesmal extremen Regenmengen hinterlassen hat. Das Deltagebiet des 2000 Kilometer langen Ayeyarwady, der vom Himalaya im Norden das ganze Land Myanmar bis zur Mündung in die Andamanensee durchzieht, war einmal die Reiskammer Südostasiens und noch immer lebt diese Region in der Hauptsache vom Reisanbau. Jetzt, nach dem Ende der Regenzeit, steht noch immer ein grosser Teil der Anbauflächen unter Wasser: dieser Teil der Ernte ist verdorben. Und das bedeutet in Myanmar, wo ein Grossteil der Menschen von dem lebt, was er heute verdient, Hunger und Not. Solche Katastrophen schaffen es kaum in unsere Nachrichten daheim, sie bleiben eine Fußnote.
Dieweil geht es auf die ersten, vielleicht diesmal wirklich freien Parlamentswahlen am 7.11.2015 zu. An vielen Orten sind die Menschen zu Kundgebungen auf der Straße. Fast ausschliesslich sind es Anhänger der NLD (National League for Democracy), der Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kiy, einer überall hochverehrten Lichtgestalt. 
Über eine Lange Strecke Landstraße ist mein Bus in einem solchen Kundgebungsumzug gefangen, denn die Straße ist eng und schlecht. Es sind mehrere Tausend Menschen, alle in NLD-T-Shirts gekleidet, singend, fahnenschwenkend und bester Laune. Viele auf Mopeds und Fahrrädern, noch mehr auf allen Arten teils uralter LKW, Traktoren und Tuktuks. Auf der Pritsche eines Lasters spielt eine Band junger Leute laute Rockmusik. Festtagsstimmung, man erwartet den klaren Wahlsieg der NLD.
Nachrichten aus Yangon, die von gewaltsamen Überfällen auf NLD-Veranstaltungen berichten, ergänzen das Bild. Und auch die auffällige Abwesenheit der sonst zahlreichen Touristen aus dem Westen, selbst in den beliebten Badeorten, zeigt die Angespanntheit vor der Wahl. 
Die nächste Woche wird spannend, auch für mich als Gast, jedoch natürlich besonders für die Menschen in Myanmar.

Wir wollen nun unsere Projekte in der Region besuchen und fortsetzen. Schon bei den ersten Besuchen in den abgelegenen Dörfern wird in Bezug auf das oben Beschriebene eines deutlich: Für diese Ärmsten der Menschen ist die Politik kaum ein Thema. Für sie geht es um das Minimum, um Essen oder Hungern, ein Dach über dem Kopf und Zugang zu genießbarem Wasser. Auch bei einer fortschreitenden Demokratisierung Myanmars werden noch viele Jahre vergehen, bis sich diese Verhältnisse zum Besseren wenden können.
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